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Andrei Mogutschi, der Prozess und das Theater
ein Bericht von Ekaterina Panyutina

Wer im Düsseldorfer Schauspielhaus das Stück „Der Prozess“ nach Franz Kafka anschaut, bekommt definitiv nicht den Prozess, wie man ihn aus dem Buch kennt, sondern ein ganz eigenes, opulentes Werk zu sehen, das zwar die Geschichte des Prokuristen Josef K. erzählt, aber dennoch eine Gesamtverarbeitung der Person Kafkas und seiner Werke darstellt. „Man muss ein Werk interpretieren, um es auf die Bühne zu bringen“, sagt Regisseur Andrei Mogutschi in der Einführung vor dem Stück, und charakterisiert den Theaterregisseur als Theater-Übersetzer, der ein Werk auf seine eigene Art verarbeitet.

Mogutschi gilt in Russland mit seiner experimentellen und vielseitigen Arbeit als einer der innovativsten Theaterregisseure. Für die Geschichte des ersten Prokuristen Josef K., der eines Tages als verhaftet gilt und dessen Leben sich nur noch um seinen Prozess dreht, wählt er eine sehr bildhafte Sprache. Vor allem die Bühne wird zu einem eigenständigen Lebewesen – mehrere Ebenen, die sich unabhängig voneinander drehen und neue Räume offenbaren, schiefe Zimmer die mitten in der Luft hängen, die Illusion eines fahrenden Zuges: mit dem Technikerteam holt Mogutschi alles aus der Bühne heraus. Dazu kommen die überzeichneten, verrückten und teilweise komischen Figuren – und all das in einem düster-skurrilen, schweren, aber definitiv nicht humorlosen Universum.

Denn, so erklärt Dramaturg Stefan Schmidtke, die allgemeine Auffassung von Kafka als einem rein depressiven und todernsten Menschen müsse sich ändern, schließlich sei dieser keineswegs humorlos gewesen. Zudem ist es laut Mogutschi und Schmidtke wichtig, sich von der Vorlage und von einer bestimmten Reihenfolge zu lösen, da der Roman selbst aus einzelnen Fragmenten besteht, die erst nach dem Tod Kafkas geordnet wurden. So tauchen in dem Stück neben den ganz eigenen Ideen des Regisseurs auch immer wieder andere Werke Kafkas auf.

Was allerdings erst hinter den Kulissen sichtbar wird, ist der experimentelle Charakter der Arbeit. Schließlich kann das Team wohl nicht multikultureller sein, wenn man bedenkt, wie viele Nationalitäten an diesem Stück teilnehmen – russisch, deutsch, finnisch, österreichisch, schweizerisch… Vor allem die Kombination russischer Regisseur, deutsche Truppe und finnischer Hauptdarsteller lassen die Herausforderung und den Anspruch an das gesamte Team erahnen. So konnte Hauptdarsteller Carl Alm zu Beginn der Arbeit kein Wort Deutsch sprechen, „aber diese psychische Isolation hat ihm geholfen, die Situation der Figur besser zu verstehen und ihn besser auf die Rolle vorzubereiten“, erklärt Mogutschi in der Einführung.

In einem Interview mit der RG NRW sprach der Regisseur über die heutige und zukünftige Theaterexistenz inmitten der internet-dominierten, medialen Welt. Er vermutet, dass die Anzahl der Zuschauer im klassischen Theater in Zukunft stark abnehmen wird. „Ich denke, es wird in eine Art elitäre Clubs übergehen (…), so ein einzigartiges oder exotisches Phänomen, mit dem sich nur ein kleiner Kreis von Professionellen beschäftigt.“ Diese Entwicklung sieht er allerdings nicht unbedingt durch das Internet, sondern durch die politischen Veränderungen begründet: Während das Theater früher einen politischen Charakter hatte, einen Moment der Freiheit und Information darstellte, ist es nun dieser Rolle enthoben.

Eine zweite Möglichkeit der Theaterexistenz sieht er in dessen Integration in die mediale Sphäre als Net-Art, bzw. Internettheater – ein Thema, mit dem er sich in seinem jährlichen Labor mit jungen Theaterregisseuren experimentell beschäftigt hat. „Das Theater kann durchaus in der Internetsphäre existieren und sogar solche Emotionen auslösen, die es in der realen Sphäre nicht auszulösen vermag. Solche Dinge sind passiert.“, erzählt er über die Ergebnisse der Experimente.

Die Veränderungen für das klassische Theater sieht der Regisseur jedoch relativ gelassen: „Wird es (das Theater) gebraucht? Das wird es unbedingt! Denn, tatsächlich, der Mensch braucht es, sich mit anderen Menschen zu treffen, und, wie man sagt, beim Vulkanausbruch dabei zu sein, und diesen nicht auf einem Plasmabildschirm zu sehen, nicht wahr? Also, sagen wir, die einen brauchen das, und andere können es wunderbar auf dem Bildschirm anschauen. Das hängt vom Menschen ab.“

(Die Zitate von Andrej Mogutschi sind aus dem Russischen übersetzt.)
von Ekaterina Panyutina